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Bernhard Pilgerweg Erlebnisbericht

Eine „arbeitsintensive“ Urlaubswoche liegt hinter mir. Überall gab es etwas zu erledigen – auf dem Grundstück, bei der Familie und im Ort. 

In Rädel wohnend bin ich in den Vereinen auf verschiedenste Weise tätig und bin seit 2024 die Ortsvorsteherin. Von hier nach da fuhr ich also mit dem Fahrrad durch den Ort, das ist meist genauso fix wie mit dem Auto. 

 

Mit etwas Schwung ging es in Richtung Ortsmitte, den Spielplatz und den alten Konsum, der das Herzstück eines jeden Flohmarktes bildet, vor Augen, bremste ich stark. 

Vor dem Konsum haben wir seit längerem 2 große Sitzbänke mit Tisch zu stehen. Im Sommer der perfekte Platz um sich mal am späten Nachmittag im Schatten zum Quatschen zu treffen. 

Nun saßen also am Mittwoch der Karwoche dort zwei Damen und ihnen gegenüber Frau Juchert, die schon erste Vorbereitungen für den nächsten Flohmarkt am 26. April 2026 getroffen hat. 

Also anhalten. Reges Interesse meinerseits. Ja so ist das halt. Hätte ich kein Interesse an meinen Mitmenschen, wäre ich auch keine Ortsvorsteherin geworden.

Smalltalk. Die Damen mir gegenüber packten ihre Stulle aus. Ihnen war bewusst, dass an einem Mittwoch der Bäckerladen zu hat. “Ach sind wir froh” entgegnete ich, “dass die Landbäckerei Kirstein die Verkaufsstelle hier im Ort an 4 Vormittagen in der Woche geöffnet hält." Im Sommer 2024 beklagten die Beteiligten des Wettbewerbes „Unser Dorf hat Zukunft“ noch das Personalproblem. In den Monaten danach fand sich dann in der Nachbarschaft die Lösung des Problems. Zum einen ist Frau Juchert ein paar Stunden im Monat vor Ort und zum anderen eine nur ein paar Meter entfernte Nachbarin, die als vierfach Mutter den größten Teil der Öffnungszeiten abdeckt. Kurze Wege halt – ach ich liebe es. Ich selbst kann mit dem Fahrrad meine Arbeitsstelle in 20 Minuten erreichen. 

 

Nun zurück zu den beiden Damen. Aus NRW kommen sie – eigentlich heute aus Götzer Berge wie wir später erfuhren. Da gibt es ein kleines Grundstück, an dem viel zu tun ist. 

Aber da es auf Ostern zugeht – wird einfach mal gepilgert. 

Die langjährige Pilgerbegleitung ist gerade auf Abwegen. Begleitet ein Familienmitglied, steht ihm zur Seite – auf seiner letzten Reise. Ist das vielleicht auch ein kleines bisschen Pilgern? Nun gut, es fand sich ein neues Pärchen zusammen, was sowohl Zeit in Götzer Berge verbringen wird als auch die Landschaft drumherum erleben möchte. 

Also entschied sich das Pärchen für den Start in Lehnin. Ein Begleitheft wurde auf dem Klostergelände erworben – direkt im Klosterhotel. Der Weg führte die beiden aus Lehnin raus. Es war zunächst ein nebeliger Tag, so kurz vor dem 1. April. Am Gohlitzsee entlang ging es am Märchenwald entlang in Richtung Rädel. Der Hauptstraße folgend in die Ortsmitte hinein. Und wie sich im Gespräch herausstellte, konnte auf dem Weg von Lehnin nach Rädel einiges zu Willibald Alexis erfahren werden. Der Dichter weilte des Öfteren in Lehnin und verfasste hier den Roman „Die Hosen des Herrn von Bredow“. Von „abgeschnittenen Ohren“ war die Rede. Und in Rädel gibt es eine Orchideenwiese, eine Kirche, die den Kirchturm an der „falschen“ Seite hat und den Oberförster Duden. 

All diese Informationen konnten unsere Gäste auf Informationstafeln lesen und erzählten uns davon. Die Gemeinde Kloster Lehnin schilderte im letzten Jahr den Willibald-Alexis-Wanderweg digital und analog erlebbar aus. In Rädel gibt es seit der 825-Jahrfeier an mehreren Stellen im Ort „Historische Tafeln“, auf denen die Ziegelei- und Schulgeschichte zu lesen ist und seit neuestem gibt es eine Tafel vom Siebenbrüderweg. 

Ja unseren Gästen boten wir neben Wasser auch einen Piccolo an, damit es sich etwas durchwärmt bei den 6 oder 7 Grad, die es an dem Tage waren. Die mitgebrachte Broschüre inspizierten wir Rädeler erst einmal. So von wegen “wir kennen doch eh alle Wege". 

35 Kilometer lang ist der Bernhardspfad. „Beten mit den Füßen“ lesen wir gemeinsam in der Broschüre. Dass der Weg nach einem Mönch benannt ist, wussten wir Rädeler natürlich beizutragen.

Es ist der Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153) konnten wir dann gemeinsam nachlesen. 

Der Bernhardsweg führt über eine Nordroute von Lehnin über Nahmitz, Netzen, Trechwitz und Damsdorf wieder nach Lehnin. 

Die Südroute ist die kürzere Strecke mit nur 14 Kilometer und führt von Lehnin über Rädel und Emstal wieder nach Lehnin zurück. 

Genau, Rädel ist nicht nur ein Naturdorf sondern auch ein Sackgassendorf. Hier ist der Verkehr quasi Hausgemacht sage ich als Ortsvorsteherin. Der Truppenübungsplatz siegelt die Ortslage rücklings ab. In und um Rädel sind die letzten Auswüchse des Beelitzer Sanders zu spüren und das Rotscherlinder Hochplateau bereits zu erahnen. Eine hügelige Landschaft in das sich ein „Hufeisenförmiger" Ort ein schmiegt.  

Pilgern erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Abstand vom Alltag wünschen sich die Wandernden. Lässt sich das Leben neu ordnen auf solch einem Weg? Unser hier kennenlerntes Pärchen kennt aus der Heimatregion den Jakobsweg und den Elisabethweg und bringt also schon Erfahrung mit. Erfahrung oder auch Wünsche etwas zu erleben. Eine Einkehr ist ihnen wichtig. Sowas wie in Rädel jetzt hier auf dieser Bank, hören wir, gibt es nicht allzu oft. Ach wir sprechen sogar über dezentrales Abwasser obwohl gerade unser halbstündiges Beisammensein nicht gestört wird durch ein vorbeifahrendes Abwasserentsorgungsauto. Warum wir darüber reden? Weil Götzer Berge, also das Grundstück des Pärchens, auch abseits liegt und dort auch das Abwasser abgefahren werden muss. Dort hat man sich für ein Schilfklärwerk entschieden. Ja sowas haben ungefähr zwanzig der einhundertsiebzig Haushalte in Rädel auch. Vorteil: Das Wasser was hier im Ort aus dem Boden kommt, also aus der Leitung, aus dem Wasserwerk nur ein paar Meter vom Spielplatz entfernt im Wald liegend, kann auch wieder hier im Ort versickern. Obwohl hier die Emster in den Wiesen entspringt, ist Rädel stellenweise auch sehr trocken. 

Geklärt werden musste noch die Frage, warum Rädel sich als Naturdorf bezeichnet. Rückblickend vor allem deshalb, weil es Ende der 1990er Jahre einen Wettbewerb gab, in dem sowohl Trechwitz als auch Rädel mit dem Titel ausgezeichnet wurden. 

Auch eine Erklärung könnte so lauten: Wald, Wiese und Wälder. Die Orchideenwiese, Fledermausvorkommen in der alten Ziegelei, heute gibt es einen Storchenturm, der Wiedehopf wird durch Anwohnerinitiative angesiedelt, Eisvogel und Biber sind zu beobachten. Wir feiern alle 2 Jahre das Vogelscheuchenfest. Hier entspringt in den Wiesen hinter den Höfen die Emster. Theoretisch kommt man über die Emster in die Havel und die Elbe und landet dann in der Nordsee. Wer das mal praktisch ausprobieren möchte, melde sich und schreibe am besten gleich einen Reiseroman dazu. Noch vor ein paar Jahrzehnten gab es im Ort viele Handwerke, in früheren Zeiten waren die Einwohner Arbeiter auf der Ziegelei, sie waren Schiffer oder in der Landwirtschaft tätig. 

 

Irgendwann, es wird kalt auf der Bank, macht sich das Pärchen auf den Weg in Richtung Emstal. Es wird gefachsimpelt, ob an den Emstaler Backöfen entlang oder doch lieber die „Bunte Brücke“ nehmen. Die ist seit längerem gesperrt, konnte ich als Ortsvorsteherin berichten. Ein Neubau soll es wohl in Zukunft geben, damit die Verbindung nicht abgeschnitten wird. Vor allem im Sommer ist das eine erholsame Route unter den belaubten Bäumen der Eichen und Buchen. Am Nachmittag lässt sich die Sonne blicken, aber da werden die Wandersleute hoffentlich bereits in Lehnin angekommen sein. Für welchen Weg sich entschieden wurde, steht auf einem anderen Blatt. 

Diese Begegnung fand kurz vor Ostern statt. Der Bernhard-Pilgerweg hat aber zu allen Jahreszeiten seine Reize. 

 

Von Ortsvorsteherin Susann Golke

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Veröffentlichung

Fr, 03. April 2026

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